Kreativität als Motor der (Unternehmens-) Kultur.



Kreativität ist Impuls, Taktgeber sowie Beschleuniger für kulturellen und wirtschaftlichen Output. Kreativität bildet den Treibstoff für die Entwicklung unserer Gesellschaft und Unternehmenswelt. Reflektiert man diese Hypothese, bedarf es zusätzlicher Überlegungen: Inwieweit besteht eine Dependenz zwischen Kreativität und Kultur, und was genau beinhaltet der Begriff der Unternehmenskultur?

Andreas Weber, 11. Juli 2003

Eine erste Hürde, die es zu nehmen gilt, ist definitorischer Art. Sowohl Kreativität als auch Kultur sind als Mode-Begriffe absolut „in“. Aber bei einem spontanen Versuch, Erklärungen und etwaige Zusammenhänge zu benennen, bringt Uneinheitlichkeit und starke Schwankungen im Meinungsbild zutage. Viele verwechseln Kreativität mit Arbeitstechnik, Kultur wird als Aufgabe der Kulturinstitute eingegrenzt. Scheinbar definieren Menschen Kreativität und Kultur subjektiv, bezogen auf ihre persönliches Erleben.

Objektiv gesehen ergibt sich folgendes Bild – zunächst zur Kreativität: Dahinter verbirgt sich ganz allgemein die menschliche Fähigkeit schöpferischen Denkens und Handelns mit all seinen produktiven, aber auch destruktiven Konsequenzen. Das wiederum ermöglicht Entwicklungsschritte und -sprünge. Eine gesellschaftliche Entwicklung wird dynamisiert durch Kreativität als Schrittmacher von Evolution und im Extremfall von Revolution. Wie kann aber, bezogen auf wirtschaftliche Prozesse, ein Unternehmen dieses unbestreitbar notwendige Potenzial seinen Bedürfnissen und Ansprüchen entsprechend generieren und ausschöpfen? Sicherlich nur im Rahmen einer ausgeprägten, gereiften Unternehmenskultur.

Der inflationär gebrauchte Begriff Kultur ist facettenreich. Eine für alles (und alle) verbindliche Definition wirkt einschränkend und reflektiert die inhaltliche Komplexität des Terminus. Beispiele belegen, wie unterschiedlich der Fokus darauf ausfallen kann: „Die Kultur hängt von der Kochkunst ab“, stellte etwa der Literat Oskar Wilde süffisant fest. Egon Friedell, Schauspieler, Schriftsteller, Kabarettist und Kritiker konstatierte: „Kultur ist und bleibt das Gegenteil von Natur.“

Die moderne Soziologie definiert Kultur als das gesamte soziale Erbe einer Gesellschaft, bestehend aus Wissen, Fertigkeiten, Sitten, Gebräuchen und Glaubensvorstellungen. Für den Philosophen Immanuel Kant beinhaltet der Begriff in übertragener Bedeutung die Ausbildung und geistige Vervollkommnung des Individuums. Etymologisch gesehen leitet sich das Wort ab von lateinisch cultura, der Pflege des Ackers. Im übertragenen Sinne steckt noch immer viel von dieser ursprünglichen Bedeutung im modernen Kulturbegriff: es geht um die menschliche Urbarmachung der Natur – und damit schließt sich wieder der Kreis zum Ansinnen von Egon Friedell.

In der Betrachtung von Natur und Kultur wird deutlich, wie sich die Kreativität in dieses Konzept einfügt: so wie man ad definitionem mit Werkzeugen die Natur zum menschlichen Überleben nutzbar macht und damit in einen anderen Zustand transformiert, so nutzt man im modernen Kulturverständnis die Kreativität als Instrument, um Output in vielerlei Hinsicht zu schaffen und zu Verändern. Mit anderen Worten: damit Kultur entstehen kann, ist Kreativität unabdingbar.

Ein Unternehmen kann also entsprechend kultiviert werden, um ökonomisch zu funktionieren: Zum einen braucht es Kreativität – zunächst von Seiten der Führungsetage – um überhaupt eine Unternehmenskultur entstehen zu lassen. Und zum anderen bedarf es einer auf die Gegenwart und die Zukunft ausgerichtete Unternehmenskultur, die ideale Bedingungen zur Entfaltung der kreativen Potenziale aller Mitarbeiter schafft. Leichter gesagt als getan! Aber vielleicht ist das Ganze gar nicht so schwer umsetzbar, wenn man sich gewisse Grundeinsichten bewusst macht.

Unternehmenskultur ist vielfältig und bedeutet zunächst, dass die Beschäftigten an einem Strang ziehen und sich hundertprozentig mit den Zielen des Unternehmens identifizieren. Das verlangt von den Führungskräften, selbige positiv vorzuleben. So etwas erfolgt in der Praxis durch persönliche Gespräche oder aber auch ein respektvolles Duzen passieren. Kollegialer Umgang der Führung mit den Mitarbeitern entbindet aber nicht von der Pflicht, dass eine Führungsspitze glaubhaft sein muss, ihr persönliches Engagement die anderen anstachelt und dauerhaft motiviert. Es braucht zudem gewisser Konventionen, die im Idealfall aber nur einen Rahmen bilden. Damit umgekehrt die Kreativität eines Unternehmens gewährleistet wird, sollten die Vorgaben nicht zu eng, der Druck nicht zu hoch sein. Es wäre außerdem falsch, von jedem Mitarbeiter in gleichen Maße zu erwarten, produktiv bzw. unternehmerisch zu denken und zu handeln. Aber jeder muss wissen, dass er Flexibilität und Unterstützung an den Tag legen sollte. Wenn beide Seiten – sowohl Angestellte als auch Vorgesetzte – bestimmten Fürsorgepflichten nachkommen, wird etwa das negative Gefühl von Mitarbeitern, nur an der Gewinnmaximierung ihrer Chefs zu arbeiten, viel seltener auftreten. Kreativität und Kultur schaffen zudem die Werte, die den Unternehmenserfolg nachhaltig sicherstellen.

Eine nicht ausgeprägte, ungereifte Unternehmenskultur erschwert oder verhindert sogar, kreativ zu sein. In dieser Hinsicht destruktiv sind Stress, Furcht und Angst, Konfrontation, Rücksichtslosigkeit, Sturheit, Nervosität, Vorurteile, Unehrlichkeit und gedankenlose Routine. Kreativität braucht eine entsprechende Atmosphäre, um zu passieren; und ein Unternehmen braucht Kohärenz und Kreativität, um zu existieren.

Kurzum: Kreativität als Motor der Unternehmenskultur bedeutet kreativen Umgang mit den Mitarbeitern sowie mit deren Kreativität. In diesem Umfeld entsteht ein wechselseitiger, dynamischer Prozess. Kreativität wird unterstützt durch permanente Veränderung im Unternehmen. So führt Evolution zur Kreativität und umgekehrt. Eine Unternehmenskultur, die Kreativität unterstützt, braucht auch eine „gute“ Mischung der Mitarbeitertypen. Es braucht „Querköpfe“ zum Schaffen von Reibungspunkten und „Angepasste“ für Reibungsloses. Das Motto: den Kopf in den Wolken, aber gleichzeitig mit den Füssen fest auf dem Boden stehen!

Redaktion: Andreas Weber
Textausarbeitung: Christine Bayer
Herzlicher Dank an Monika und Dieter Pieroth für ihre kritischen und klugen Anregungen!