Unwert der Kommunikation.
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint! Dieser Eindruck entstand bei "Die
Mainzer Designgespräche 2003: Von Spezialisten und Alleskönnern" am
14. Oktober. Voller Ambitionen will der Rheinland-Pfälzische
Wirtschaftsminister Hans-Artur Bauckhage seine Landeshaupt als Ort der
Kommunikation profilieren. Das gelang leider nicht.
Was geschah: Zunächst hebelte Moderator Andrej Kupetz, fachlicher
Leiter des Rates für Formgebung in Frankfurt, die spannende
Themenstellung aus den Angeln. Er erklärte, dass er mit dem Begriff
Alleskönner eigentlich nichts anfangen kann und entschied sich für den
Begriff Generalist. Das Ziel des Events und der Themenstellung
erläuterte er nicht. So sprang rasch der nächste Redner in die Bütt. Es
war allerdings nicht der plakatierte Kreativ-Guru Delle Krause von
Ogilvy&Mather (weswegen sicher viele der rund 150 Besucher gekommen
waren). Er fehlte unentschuldigt und entsandte grußlos einen seiner
hoch dekorierten Creative Directors. Und der widmete (ganz kreativ)
wiederum das Thema um. Er teile die Welt in Generalisten, Spezialisten
und Autisten ein. Etwas ungelenk - die Stimme war zittrig vor
Aufregung, der Präsentations-Laptop dient als Ablage für das papierne
Manuskript, von dem der Vortrag abgelesen wurde - präsentierte der
Ogilvy CD dem Zuhörer, welche tollen Ideen und Spots er so entwickelt
habe. Und die Quintessenz lautete: der Generalist sei der Durchblicker
und der Spezialist der Überblicker.
Toll. Der eigentliche Höhepunkt des Vortrags war aber - und das wurde
vom Publikum recht ärgerlich und mit Verwunderung aufgenommen - die
Vorstellung der schönen 40%-Ersparnis-TV-Spots für das ehemals neue
Preissystem der Deutschen Bahn. (Dafür gab es im März auch einen
Goldenen Nagel beim ADC-Wettbewerb). Der CD wies aber nicht darauf hin,
dass das Produkt, das er bewarb, vom Markt genommen werden musste, weil
es bekanntlich nicht funktionierte, noch nicht einmal zu 40%.
Was ist nun die Lehre aus diesem Vorfall? Wahrscheinlich, dass Werbung
bisweilen sehr gekonnt etwas pusht, was am Verbrauchernutzen vorbei
zielt und gar nicht funktioniert - und die Werbebranche feiert sich
selbst dafür. Das ist echter Unwert in der Kommunikation, oder? Im
Publikum murmelte ein Zuhörer zynisch: Bei diesem Vortrag frage ich
mich: wer ist jetzt eigentlich der Autist?
Da waren wohl keine Alleskönner am Werk, dachte ich und verließ voller
Schreck den Raum.
Andreas Weber
Mentor Wertvolle-Kommunikation.net